Ernst Steinmüller 1922 in Baden-Baden. Für den Tuchgroßhändler war der Maßanzug eine Visitenkarte.

Ernst Steinmüller

Ernst Ludwig Heinrich Steinmüller wurde am 11. Januar 1873 als Sohn des Tuchgroßhändlers Friedrich Wilhelm August Steinmüller und seiner Frau Auguste im Haus „Tuch Steinmüller“ in Gummersbach geboren.

Mit seinen vier älteren Geschwistern wuchs Ernst Steinmüller im elterlichen Wohn- und Geschäftshaus "Tuch-Steinmüller" mitten in Gummersbach auf. Nach Abschluss der Schule ging Ernst Steinmüller zuerst in die Lehre bei Gebr. Passavant in Krefeld. In Koblenz leistete er später dem Militärdienst. 

Aus seiner beschaulichen Heimatstadt Gummersbach reiste Ernst Steinmüller 1892 über Paris nach London. Ernst war gerade 19 Jahre alt und sog die Eindrücke der Metropolen in sich auf. In Paris bewunderte Ernst Steinmüller den Eiffelturm, der drei Jahre zuvor fertiggestellt wurde. In der Kunstwelt erlebten die Pariser Impressionisten gerade ihre Hochphase. Am Abend erstrahlten die großen Boulevards in Licht der ersten elektrischen Straßenlaternen. Kutschen und die ersten Autos fuhren über die prächtigen Straßen von Paris. Damen in wunderbaren Kleidern spazierten durch die Parks. Paris war eine elegante Stadt und begeisterte Ernst Steinmüller sofort.  

In London blieb Ernst für ein Jahr und arbeitete in dieser Zeit im Tuchhandel um Erfahrungen für die Arbeit im väterlichen Betrieb zu sammeln. London war im viktorianischen Zeitalter eine pulsierende Weltstadt. Die Wirtschaft florierte und die Kolonien brachten Wohlstand nach England. In London fuhr die erste U-Bahn der Welt. Tower Bridge war noch eine Baustelle. Es muss für Ernst faszinierend gewesen sein, durch London zu flanieren. Deutlich zeigte sich im London und Paris zum Ende des 19. Jahrhunderts der positive Einfuss anderer Länder und kultureller Vielfalt. Ernst besuchte mit Freunden Londoner Clubs. Weltmännisch posierten die jungen Männer mit Pfeife und Zeitung für Fotos.

Während seiner Ausbildung und in dem Jahr in London hatte Ernst Steinmüller im Textilwesen viel Wissen und kaufmännisches Geschick gewonnen. Auch im gesellschaftlichen Umgang hatte er sich in London weiterentwickelt. Konversation in Clubs und der britische Humor waren genau nach seinem Geschmack. Der lange Aufenthalt in London und seine vielen Reisen prägten Ernst Steinmüllers Persönlichkeit und machten ihn zum Weltbürger.

Nach seiner Rückkehr aus London stieg Ernst Steinmüller in die väterliche Tuchgroßhandel W. Steinmüller & Sohn ein und wurde 1899 zum Teilhaber der Tuchhandlung. Kunden im süddeutschen Raum stellte Ernst Steinmüller seine Kollektionen vor. Er besuchte Schneider in Freiburg, Würzburg und München. Besonders in München bestellten die großen Schneiderateliers regelmäßig Stoffe, Garne und Accessoires beim Tuchgroßhandel W. Steinmüller & Sohn. Mit seinem fachlichen Wissen und seiner Persönlichkeit war Ernst Steinmüller den Kunden ein guter Berater und sehr geschätzter Mensch. Es war seinem großen Engagement zu verdanken, dass sich W. Steinmüller & Sohn bald zu den bedeutendsten Tuchhandlungen Deutschlands entwickelte. 

München war um 1900 eine Kunstmetropole, es war die Stadt der Dichter, der Maler und der Musik. Ernst Steinmüller pflegte in München Freundschaften zu Künstlern und besuchte nach den Terminen bei seinen Kunden gerne Vorstellungen im Theater oder in der Oper. Sicherlich genoss er auch die schönen Biergärten in München. Work-Life-Balance vor hundert Jahren.

Stilvolle Maßanzüge waren Ernst Steinmüllers Visitenkarte. Mit ausgesuchten Stoffen und tadelloser Verarbeitung seiner Anzüge konnte Ernst Steinmüller seine Kunden und Geschäftspartner von der Güte und Qualität seiner Ware bestens überzeugen. Seine aufrechte Haltung spiegelte obendrein die klaren inneren Werte seiner Persönlichkeit wider. Mit seinem Wissen, seinem liebenswürdigen Wesen und dem besonderen Humor war Ernst Steinmüller ein geschätzter Geschäftspartner.

Haus Grotenbach wurde die 1911 von Ernst Steinmüller in Gummersbach erbaute Villa in der Grotenbachstraße 29 genannt. Der Gummersbacher Architekt Heinrich Kiefer plante das Haus wie maßgeschneidert für Ernst Steinmüller mit geraden, klaren Linien. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz.

Ernst Steinmüller heiratete am 20.4.1897 Paula Sondermann, die 21-jährige Tochter von Emil Wilhelm Sondermann, Besitzer der Spinnerei und Weberei E.W. Sondermann in Mühlenseßmar bei Gummersbach. Paula Sondermann war eine sehr gute Pianistin, sie gab Konzerte, sang im Chor. 1899 kam Tochter Erna zur Welt. Tochter Anita wurde 1903 geboren und starb mit nur einem Jahr. 1906 erblickte dann Tochter Vera das Licht der Welt. An den Folgen einer Operation verstarb Paula Steinmüller im August 1919. 

1921 trifft Ernst Steinmüller Marta Brüning, Tochter des Lederfabrikanten Carl Brüning aus Gummersbach. Familie Brüning stammt ursprünglich aus Holstein, Marta Brüning wurde 1888 in Neumünster geboren. Als Pionier in der Lederverarbeitung hatte Carl Brüning internationales Ansehen. Bereits um 1900 exportierte die Lederfabrik Brüning einen großen Teil der Produktion innerhalb Europas, lieferte aber auch nach China, Indien und nach Japan. Marta Brüning liebte ihre Bücher und schrieb selbst Texte, die regelmäßig in der Gummersbacher Zeitung veröffentlicht wurden. 

Marta Brüning und Ernst Steinmüller heiraten am 27. Juni 1922 in Gummersbach. Am 5. Februar 1927 wurde ihre Tochter Margarete, genannt "Gretel" in Haus Grotenbach in Gummersbach geboren. 

Ernst Steinmüller 1931 mit seinem Enkel Reiner Wahlefeld und Tochter Gretel. "Klein Paris" nannten die Gummersbacher ihre schöne Stadt. 

 

Zu seinem 70. Geburtstag würdigte die Deutsche Schneider Zeitung Ernst Steinmüller mit einem Glückwunsch:


In weitesten Kreisen des Schneiderhandwerks bekannt, beliebt und wegen seines Humors und steten zuvorkommenden Wesens geschätzt, begeht Herr Ernst Steinmüller, Gummersbach, in voller Frische am 11. Januar seinen 70. Geburtstag.
Der Jubilar steht fast 50 Jahre im Dienste unseres Handwerks und hat somit alle Sturm- und Drangzeiten nicht nur mitgemacht, sondern darüber hinaus ist er stets ein treuer Helfer und Berater seiner Kunden geblieben.
Ernst Steinmüller hat schon in jungen Jahren durch In- und Auslandsreisen sich bewußt auf seine Tätigkeit im Dienste des Schneiderhandwerks vorbereitet, so daß er bei seinem Eintritt in die Firma Steinmüller & Sohn, Gummersbach (Rheinland) im Jahre 1894 als erstklassiger Textilfachmann der Betriebsleitung zur Seite stand. Sein hohes, gediegenes Können ließ ihn bald zum Teilhaber der Firma werden.
Ganz besonders sind seine hochqualifizierten und geschmackvollen Futterstoffkollektionen bekannt, deren Zusammenstellung er sich mit großer Liebe widmete.
Seine ständige Verbindung mit all seinen Kunden hat den guten Ruf der Firma stets erweitert und gefestigt. Heute noch erledigt Ernst
Steinmüller vordringende Geschäfte persönlich und findet immer noch Zeit, seine Freunde und alten Kunden selbst aufzusuchen. Seine Hilfsbereitschaft und sein sonniges Wesen haben ihm viele Freunde gewonnen, die sich mit dem Wunsche für sein weiteres Wohlergehen unseren Glückwünschen anschließen.

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