Ernst Steinmüller

Ernst Steinmüller hatte Haltung und Humor. Die maßgefertigten Anzüge waren seine Visitenkarte. Baden-Baden, 1922. 

Aus seiner beschaulichen Heimatstadt Gummersbach reiste Ernst Steinmüller 1892 über Paris nach London. Ernst war gerade 19 Jahre alt und sog die Eindrücke der Metropolen in sich auf. In Paris blieb Ernst einige Tage auf der Durchreise und bewunderte den Eiffelturm, der drei Jahre zuvor fertiggestellt wurde. In der Pariser Kunstwelt erlebten die Impressionisten gerade ihre Hochphase. Am Abend erstrahlten die großen Boulevards in Licht der ersten elektrischen Straßenlaternen. Kutschen und die ersten Autos fuhren auf den breiten Avenuen. Damen in wunderbaren Kleidern spazierten durch die Parks. Paris war eine elegante Stadt und begeisterte Ernst sofort.  

In London blieb Ernst für ein Jahr und arbeitete in dieser Zeit im Tuchhandel um Erfahrungen für die Arbeit im väterlichen Betrieb zu sammeln. London war im viktorianischen Zeitalter eine pulsierende Weltstadt. Die Wirtschaft florierte und die Kolonien brachten Wohlstand nach England. In London fuhr die erste U-Bahn der Welt. Tower Bridge war noch eine Baustelle. Es muss für Ernst faszinierend gewesen sein, durch London zu flanieren. Nach Paris war es die zweite bedeutende Großstadt, die er entdecken konnte. Deutlich zeigte sich im London und Paris Ende des 19. Jahrhunderts der Einfuss anderer Länder und kultureller Vielfalt. Ernst besuchte mit Freunden Londoner Clubs. Weltmännisch posierten die jungen Männer mit Pfeife und Zeitung für Fotos.

Während seiner Ausbildung und dem Jahr in London hatte Ernst Steinmüller im Textilwesen viel Wissen und kaufmännisches Geschick gewonnen. Auch im gesellschaftlichen Umgang hatte er sich in London weiterentwickelt. Konversation in Clubs und der britische Humor waren genau nach seinem Geschmack. Seine Reisen und der lange Aufenthalt in London prägten Ernst Steinmüllers Persönlichkeit und machten ihn zum Weltbürger.

Nach seiner Rückkehr aus London stieg Ernst Steinmüller in die väterliche Tuchgroßhandel W. Steinmüller & Sohn ein und wurde bald zum Teilhaber der Tuchhandlung. Kunden im süddeutschen Raum stellte Ernst Steinmüller seine Kollektionen vor. Er besuchte Schneider in Freiburg, Würzburg und München. Besonders in München bestellten die großen Schneiderateliers regelmäßig Stoffe, Garne und Accessoires beim Tuchgroßhandel W. Steinmüller & Sohn. Mit seinem fachlichen Wissen und seiner Persönlichkeit war Ernst Steinmüller den Kunden ein guter Berater und sehr geschätzter Mensch. Es war seinem großen Engagement zu verdanken, dass sich W. Steinmüller & Sohn bald zu den bedeutendsten Tuchhandlungen Deutschlands entwickelte. 

München war um 1900 eine Kunstmetropole, es war die Stadt der Dichter, der Maler und der Musik. Ernst Steinmüller pflegte in München Freundschaften zu Künstlern und besuchte nach den Terminen bei seinen Kunden gerne Vorstellungen im Theater oder in der Oper. Sicherlich genoss er auch die schönen Biergärten in München. Work-Life-Balance vor hundert Jahren.

Stilvolle Maßanzüge waren Ernst Steinmüllers Visitenkarte. Mit ausgesuchten Stoffen und tadelloser Verarbeitung seiner Anzüge konnte Ernst Steinmüller seine Kunden und Geschäftspartner von der Güte und Qualität seiner Ware bestens überzeugen. Seine aufrechte Haltung spiegelte obendrein die klaren inneren Werte seiner Persönlichkeit wider. Mit den besonderen Humor und seinem liebenswürdigen Wesen war Ernst Steinmüller ein sehr willkommener Geschäftspartner.

Haus Grotenbach, die 1911 von Ernst Steinmüller in Gummersbach erbaute Villa in der Grotenbachstraße. Der Gummersbacher Architekt Heinrich Kiefer plante das Haus wie maßgeschneidert für Ernst Steinmüller mit geraden, klaren Linien. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz.

Am 11. Januar 1873 wurde Ernst Ludwig Heinrich Steinmüller im Haus „Tuch Steinmüller“ als Sohn des Tuchgroßhändlers Friedrich Wilhelm August Steinmüller und seiner Frau Auguste geboren. Ernst Steinmüller wuchs mit seinen vier älteren Geschwistern im elterlichen Geschäftshaus mitten in Gummersbach auf. 

Nach der Schule ging Ernst Steinmüller zuerst in die Lehre in Krefeld, später zum Militärdienst nach Koblenz. Als 19-Jähriger verbrachte Ernst 1892 ein Jahr in London in Textilunternehmen, bevor er zunächst als Angestellter im väterlichen Unternehmen begann und 1899 zum Teilhaber von W. Steinmüller & Sohn wurde. Ernst Steinmüller sprach Englisch und Französisch, er reiste gerne und brannte für seine berufliche Aufgabe.

Ernst Steinmüller heiratete am 20.4.1897 Paula Sondermann, die 21-jährige Tochter von Emil Wilhelm Sondermann, Besitzer der Spinnerei und Weberei E.W. Sondermann in Mühlenseßmar bei Gummersbach. Paula Sondermann war eine sehr gute Pianistin, sie gab Konzerte, sang im Chor. 1899 kam Tochter Erna zur Welt. Tochter Anita wurde 1903 geboren und starb mit nur einem Jahr. 1906 erblickte dann Tochter Vera das Licht der Welt. An den Folgen einer Operation verstarb Paula Steinmüller im August 1919. 

1921 trifft Ernst Steinmüller Marta Brüning, Tochter des Lederfabrikanten Carl Brüning aus Gummersbach. Familie Brüning stammt ursprünglich aus Holstein, Marta Brüning wurde 1888 in Neumünster geboren. Als Pionier in der Lederverarbeitung hatte Carl Brüning internationales Ansehen. Bereits um 1900 exportierte die Lederfabrik Brüning einen großen Teil der Produktion innerhalb Europas, lieferte aber auch nach China, Indien und nach Japan. Marta Brüning liebte ihre Bücher und schrieb selbst Texte, die regelmäßig in der Gummersbacher Zeitung veröffentlicht wurden. 

Marta Brüning und Ernst Steinmüller heiraten am 27. Juni 1922 in Gummersbach. Am 5. Februar 1927 wurde ihre Tochter Margarete, genannt "Gretel" in Haus Grotenbach in Gummersbach geboren. 

"Klein Paris" nannten die Gummersbacher ihre schöne Stadt um 1920. Ernst Steinmüller 1931 in Gummersbach mit seinem Enkel Reiner Wahlefeld und Tochter Gretelein.

 

Zu seinem 70. Geburtstag am 11.1.1943 würdigte die Deutsche Schneider Zeitung Ernst Steinmüller mit einem Glückwunsch:


In weitesten Kreisen des Schneiderhandwerks bekannt, beliebt und wegen seines Humors und steten zuvorkommenden Wesens geschätzt, begeht Herr Ernst Steinmüller, Gummersbach, in voller Frische am 11. Januar seinen 70. Geburtstag.
Der Jubilar steht fast 50 Jahre im Dienste unseres Handwerks und hat somit alle Sturm- und Drangzeiten nicht nur mitgemacht, sondern darüber hinaus ist er stets ein treuer Helfer und Berater seiner Kunden geblieben.
Ernst Steinmüller hat schon in jungen Jahren durch In- und Auslandsreisen sich bewußt auf seine Tätigkeit im Dienste des Schneiderhandwerks vorbereitet, so daß er bei seinem Eintritt in die Firma Steinmüller & Sohn, Gummersbach (Rheinland) im Jahre 1894 als erstklassiger Textilfachmann der Betriebsleitung zur Seite stand. Sein hohes, gediegenes Können ließ ihn bald zum Teilhaber der Firma werden.
Ganz besonders sind seine hochqualifizierten und geschmackvollen Futterstoffkollektionen bekannt, deren Zusammenstellung er sich mit großer Liebe widmete.
Seine ständige Verbindung mit all seinen Kunden hat den guten Ruf der Firma stets erweitert und gefestigt. Heute noch erledigt Ernst
Steinmüller vordringende Geschäfte persönlich und findet immer noch Zeit, seine Freunde und alten Kunden selbst aufzusuchen. Seine Hilfsbereitschaft und sein sonniges Wesen haben ihm viele Freunde gewonnen, die sich mit dem Wunsche für sein weiteres Wohlergehen unseren Glückwünschen anschließen.

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